Handan Jazbinsek
Heilpraktikerin für Psychotherapie

Amor & Psyche

Blog aus der Psychotherapeutischen Sprechstunde

22.01.2018

Männer im Schneckenhaus

Schneckenhäuser helfen bei Bindungsangst. Nicht.

2014. Ein silver ager beschreibt seinen wiederholt, abrupten Rückzug von seiner Geliebten mit dem Bild des Schneckenhauses: “Plötzlich bekomme ich so ein Gefühl, als ob sie mich packt und nicht mehr loslässt. Ich habe Angst. Ich fühle mich wahnsinnig eingeengt und kann kaum noch atmen. So schnell wie möglich ziehe ich mich unter einem Vorwand zurück in mein Schneckenhaus und tauche ab. Dann komme ich schnell zur Ruhe. Das tut mir gut. Ich kann dann wieder atmen. Aber nach einiger Zeit vermisse ich sie. Und trotzdem schaffe ich es nicht, wieder auf sie zuzugehen. Oft vergehen Wochen, einmal sogar Monate. Ich lenke mich dann ab mit meiner Arbeit und bin dann ganz meiner Familie zugewandt. Bis ich die Sehnsucht nach ihr nicht mehr aushalten kann. Dann schlage ich ein Treffen vor. Bisher hat sie immer zugesagt, aber ich habe Angst, dass sie das irgendwann nicht mehr tut. Dann holt mich niemand mehr aus meinem Schneckenhaus heraus.”

2016. Ein junger Mann (24), dem es innerhalb der Beziehung zu seiner Freundin ähnlich geht, sagt: “Dieses Lied gibt von der ersten bis zur letzten Silbe wieder, wie ich mich fühle.” Ein Lied? Das höre ich mir am Abend dann an. Wie fühlt sie sich an, diese entsetzliche Angst vor der Nähe? Bindungsangst, die zusammen mit Verlustangst zu On-Off-Beziehungen unserer Zeit führt. Was erleben diese Männer, wenn es am schönsten ist? Joris verrät es uns:

“Und wenn’s am schönsten ist, ich nichts mehr vermiss, dann nehm ich Reißaus und reiß aus…”  (Song auf Youtube) - Lyrics hier:

Im Schneckenhaus (Joris)
Ich hab kein Mitleid für mich selbst, viel zu selten für dich.
Die letzte Brücke gesprengt, die letzte Grenze in Sicht.
Zwischen Hunderten von Leuten, fühl mich trotzdem allein,
Steh in unsichtbaren Mauern, zwar geborgen, doch klein, bin verloren im Sein.
Vor fünf Minuten gekommen, fühl ich mich eigentlich nach gehen.
Den blöden Job nicht bekommen, doch eigentlich wollt ich nur den.
Vermiss im Winter die Wärme und im Sommer den Schnee.
Fällt mir fast nicht mehr auf, wenn ich im Sonnenschein geh, im Sonnenschein steh.
Wenn der Himmel bricht, mir so vieles verspricht.
Kommt der Zweifel in mir, ich hab’s erlebt, ich war schon hier.
Und wenn’s am schönsten ist, ich nichts mehr vermiss, dann nehm ich Reißaus und reiß aus.
Ich bin viel zu träge, trotzdem lauf ich zu schnell.
Bin im Tag reichlich dunkel, in der Nacht viel zu hell.
Ich hab noch so viel zu sagen, indes find ich kein Wort.
Will doch nur noch nach Hause und es trägt mich weit fort, nur weiter hinfort.
Wenn der Himmel bricht, mir so vieles verspricht.
Kommt der Zweifel in mir, ich hab’s erlebt, ich war schon hier.
Und wenn’s am schönsten ist, ich nichts mehr vermiss, dann nehm ich Reißaus und reiß aus.
Jetzt steht meine Welt still, seit Donnerstagabend.
Bitte öffne die Augen und nimm mich in’ Arm.
Atemmaschine und Herzgerät, plötzlich hat die Welt für dich zu schnell gedreht.
Aufwärts, in ein unbekanntes Land.
Und was wichtig schien, hab das niedergeschrieben.
Fühlt’ mich so oft in Not, schau ich zurück, lach’ ich mich tot.
Weil’s mich selbst auffrisst, ich dich so vermiss.
Glaub’s mir, das ist es nicht wert.
Wenn’s am schönsten ist und du nichts mehr vermisst,
dann mach die Augen auf.

Admin - 18:46:51 @ On-Off-Beziehungen, Männer | Kommentar hinzufügen

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